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Als Vorableserin bekomme ich ja hin und wieder schöne Bucher zu geschickt. Für dieses hatte die Post etwas länger gebraucht, deswegen hat die Rezension auch auf sich warten lassen. Aber hier kommt sie:

„Der norwegische Gast“
Anne Holt, Übersetzung: Gabriele Haefs
Piper Nordiska
2008, 336 Seiten

Die Gestaltung des Hardcover-Buches „Der norwegische Gast“, eine rote Hauswand mit großen Eiszapfen und Schneeverwehungen, ist anmutig wie düster, wunderschön und zugleich bedrängend. Der Umschlag vermittelt so einen direkten Einblick in das Buch und wirkt wie ein Spiegel in die Geschichte.

Wer Hanne Wilhelmsen, die Ermittlerin, nicht kennt wird sich nach den ersten Seiten wundern. Nicht nur sitzt die Ermittlerin im Rollstuhl, sie lebt auch in einer lesbischen Beziehung mit einem Kind. Eine Anhäufung von Minderheitenthematiken mag man denken, doch einiges wird erklärt. Hanne war nicht immer behindert und dieser Fall ist der erste nach Ihrem Unfall, der die Behinderung mit sich brachte. Hannes Charakter wird nach und nach sehr liebevoll von Holt entschlüsselt und wird wie eine Freundin.

Die Umstände, die Hanne wieder zu einer Ermittlerin machen, erinnern an „The Shining“. Ein Zugunglück lässt die Reisenden in einem Schneesturm in Finse im Hotel des Ortes stranden. Verschieden Menschen treffen auf engstem Raum aufeinander, Handballerinnen treffen auf die Mitglieder der Staatskommission, Deutsche treffen auf Südafrikaner, Jung auf Alt. Früher oder später scheint das Chaos vorprogrammiert.

Hanne verbleibt als stille Beobachterin, verschließt sich vor Kontakten. Trotzdem sammelt sie einige Menschen um sich: die Hoteldirektorin Berit, den Arzt Magnus Streng, den Anwalt Geir Rugholmen und den Jungen Adrian. Alle vier berühren sie auf verschiedene Art und Weise, werden zu Freunden obwohl sie sich hartnäckig gegen Zwischenmenschlichkeit wehrt und helfen erheblich bei der Aufklärung des Falles.

Doch was ist der Fall? Nach der ersten Nacht wird der bekannter Prediger Cato Hammer erschossen im Schnee vor dem Hotel gefunden. 196 Verdächtige weilen zu dem Zeitpunkt im Hotel. Der Fall geht auch an Hanne nicht vorbei und sie bildet mit Geir, Berit und Magnus das provisorische Ermittlerteam – wenn auch widerwillig. Auf der ersten Mord folgt ein zweiter, ein weiteres Mitglied der Staatskommission Roar Hanson. Die vermeidliche Tatwaffe: ein Eiszapfen. Die Gäste sind panisch, die Ermittler ratlos. Kurz vor seinem Tod versucht Roar sich Hanne mitzuteilen, die Konversation wurde unterbrochen und Roar nahm die möglich Klärung des Falles mit in den Tod.

Im Hotel wechselt Panik zwischen Resignation, zwischen Ausgelassenheit und purer Angst. In dem Hotel werden die verschiedenen Facetten der Gesellschaft nachgespielt und wiederholt. Es bilden sich Gruppen, Rädelsführer werden zur Opposition des Ermittlerteams, menschliche Abgründe werden genauso aufgezeigt wie kleine Alltagsheldentaten. Hanne ist mittendrin, beginnt zu interagieren, entdeckt fast die Leidenschaft zur Polizeiarbeit wieder beobachtet aber genau ihr direktes Umfeld.

Die Lösung des Falles ist genauso überraschend wie plötzlich. Kurz bevor alle Gäste nach dem Sturm verlassen dürfen, gelingt es Hanne den Fall zu lösen.

Anne Holt hat einen typisch nordischen Kriminalroman geschaffen. Unverschnörkelt und direkt beschreibt sie die Ereignisse. Personen wirken oft unnahbar, sind nicht wirklich greifbar, entziehen sich immer wieder dem Griff und sind doch ungewöhnlich vertraut. Gesellschaftliche Aspekte vermischen sich mit Philosophie oder Religion ohne aufdringlich zu wirken und finden immer wieder einen direkten Weg in die Geschehnisse. Kein Detail ist unnötig und doch ist jedes liebevoll dargestellt.

„Der norwegische Gast“ macht Lust auf mehr von Anne Holt.

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